Der Igel – Tierschutz mit Herz und Kompetenz

Der Igel ist eines der einheimischen Wildtiere, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen leben. Das hat ihn einerseits zum Sympathieträger gemacht, andererseits ist er dadurch auf Strassen und in Gärten vielen Gefahren ausgesetzt. Gerade Rasenmäher und andere Gartenpflegegeräte verursachen schwere Verletzungen. Seit über fünfzig Jahren bringen engagierte Tierfreundinnen und Tierfreunde kranke und verletzte Tiere, aber auch verwaiste Igelbabys in Pflegestationen. Die Unterstützung der Bevölkerung für den Igel hat dazu beigetragen, dass der Tierschutz in der Schweizer Bundesverfassung verankert werden konnte.

Der Igel wird von zwei Gesetzen geschützt: als Wirbeltier vom Tierschutzgesetz und als einheimisches Wildtier vom Natur- und Heimatschutzgesetz. Das Tierschutzgesetz schützt jedes einzelne Tier als Individuum. Das Natur- und Heimatschutzgesetz hingegen schützt die gesamte Tierart.

Der Lebensraum des Wildtieres

In einem Merkblatt hielten das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und das BLV unter anderem Folgendes fest:

«Der ursprüngliche Lebensraum des Igels besteht aus einer kleinräumigen und abwechslungsreich gegliederten Landschaft, wie sie lange Zeit für die Schweiz typisch war. Durch menschliche Eingriffe sind jedoch vielerorts artenreiche Magerwiesen, Heckensäume, einheimische Strauchsorten, kleine Gehölze und andere für den Igel notwendige naturbelassene Strukturen verschwunden. Einst optimale Igellebensräume mussten nicht selten den mit schweren Maschinen bewirtschafteten, intensiv gedüngten und mit Pflanzenschutzmitteln behandelten Landwirtschaftsflächen weichen oder fielen dem sich ständig ausbreitenden Siedlungsgebiet zum Opfer.

Dieses Siedlungsgebiet kann dem Igel andererseits aber auch die Chance einer neuen Heimat bieten, allerdings einer oftmals recht gefährlichen neuen Heimat! Zahlreiche, meist vom Menschen geschaffene Gefahren, allen voran der Strassenverkehr, erschweren oder verkürzen so manches Igelleben. Und: Das Siedlungsgebiet ist nur dann ein potenziell geeigneter Igellebensraum, wenn weiterhin auf die für Igel so wichtige Strukturvielfalt geachtet wird. Letzteres ist nur dann der Fall, wenn der Mensch ein gewisses Mass an Naturbelassenheit in seinen Gärten, Parks und Ruhezonen zulässt. Nur in solchen naturnahen Grünzonen findet der Igel genügend Unterschlupfmöglichkeiten und ein adäquates Futterangebot.

Da die Igel in der Schweiz in der heutigen Zeit also zur Mehrheit in menschlichen Siedlungsgebieten leben, fallen auch kranke oder verletzte Tiere auf. Solchen Igeln zu helfen kann, sofern die Hilfe fach- und wildtiergerecht durchgeführt wird, aus Gründen des Individualtierschutzes Sinn machen. Dabei ist aber immer vor Augen zu halten, dass die wirkliche Igelhilfe – wie bei jedem Wildtier – im Artenschutz liegt. Und dieser kann nur durch Erhalt und Verbesserung des Lebensraumes gewährleistet werden!»

Schutz für den Sympathieträger

Nach Jahrzehnten von unermüdlichem, tatkräftigem Schutz für die Igel ist es Zeit für eine Standortbestimmung. Es zeigt sich, dass der Igel auch heute noch die Hilfe des Menschen braucht – und dass diese Hilfe heute anders gewichtet werden muss, weil sich sein Lebensraum verändert hat.

Früher kamen vor allem untergewichtige Igel und verwaiste Jungtiere in die Pflegestationen. Es war gut und richtig, diese Igel in Pflegestationen zu bringen, denn dort konnten sie fachgerecht gefüttert, gepflegt und an geschützten Orten wieder freigelassen werden. Heute sind es jedoch häufig Tiere mit schweren Verletzungen durch den Strassenverkehr, durch Fadenmäher, Tellersensen oder durch Kunststoffnetze, in denen sie sich stranguliert haben. Solche Verletzungen führen nicht sofort zum Tod und es dauert oft Tage, bis die Igel gefunden werden. Das beweisen die Fliegenmaden, die sich dann bereits in den Igeln eingenistet haben. Betroffene Igel müssen so rasch wie möglich getötet werden, um weiteres Leiden zu verhindern. Die Euthanasie durch die Tierärztin oder der Gnadenschuss durch den Wildhüter sind in solchen Fällen tierschutzkonforme Tötungsmethoden.

Handlungsbedarf bei der Leidensbegrenzung

Gemäss Tierschutzverordnung müssen kranke oder verletzte Tiere gepflegt, behandelt oder aber getötet werden (vgl. Beitrag «Töten ohne Leiden»). Tierärztinnen und Tierärzte verfügen über die Kompetenz und das Instrumentarium für die Diagnosestellung. Sie haben auch die notwendigen Medikamente für die Euthanasie, deren Gebrauch gesetzlich streng geregelt ist. Auch Wildhüterinnen und Wildhüter können beurteilen, ob Igel getötet, in tierärztliche Behandlung gegeben oder zur Pflege in eine Igelstation gebracht werden müssen. Sie sind daher ebenfalls eine gute Anlaufstelle.

Pflegestationen für die Igel

Die unermüdliche Arbeit der Pflegestationen ist nach wie vor sehr wichtig. Eine Igel-Notpflegestation ist eine stationäre Einrichtung mit dem Zweck, hilfsbedürftige Igel vorübergehend zu pflegen, gegebenenfalls medizinisch zu versorgen sowie Igelbabys aufzuziehen und untergewichtige Igel aufzufüttern. Dort dürfen nur verletzte, kranke oder offensichtlich notleidende Igel aufgenommen werden. Der Aufenthalt der Igelpatienten in menschlichem Gewahrsam muss immer so kurz wie möglich sein. Das einzige Ziel dieser Pflege besteht darin, überlebensfähige Tiere wieder auszuwildern.

Notpflegestationen dürfen nur von fachkundigen Personen geführt werden. Als fachkundig gelten Personen, die sich unter kundiger Anleitung und Aufsicht die notwendigen Kenntnisse und die praktische Erfahrung mit der Haltung und Pflege aneignen konnten und dies regelmässig vornehmen.
Um die medizinische Betreuung zu garantieren, muss jede Notpflegestation der Bewilligungsbehörde eine Tierärztin oder einen Tierarzt angeben, mit der oder dem sie zusammenarbeitet. Für die Anwendung von verschreibungspflichtigen Tierarzneimitteln ist mit der für die Igel-Notpflegestation verantwortlichen Tierärztin bzw. dem Tierarzt eine entsprechende schriftliche Vereinbarung abzuschliessen.

Nach dem Natur- und Heimatschutzgesetz braucht es für den Betrieb einer Igelpflegestation eine Bewilligung für die vorübergehende Haltung von Wildtieren. Informationen zur temporären Pflege und Haltung von Igeln finden sich auf der BLV-Webseite, auf der auch das Merkblatt «Anforderungen an die temporäre Haltung und Notpflege von Igeln» zu finden ist, welches das BLV und das BAFU gemeinsam herausgegeben haben.

Fazit: Schützen heisst auch Leiden beenden

Die Standortbeurteilung zeigt auf, dass die Welt der Igel viel gefährlicher geworden ist. Daher ist die Zusammenarbeit verschiedener Partnerinnen und Partner mit verschiedenen Kompetenzen nötig, um ihnen ein Leben im Umfeld des Menschen zu ermöglichen und die richtige Hilfe im richtigen Moment zu geben.